Der Begriffe sind viele: Migrantinnen und Migranten, Menschen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte oder auch: „Menschen mit Migrationshintergrund“. ZDF-Mitarbeiterin Dunja Hayali brachte in Berlin einen weiteren Begriff ins Spiel: Menschen mit Zuwanderungsvordergrund.
Die Moderation der Fachtagung "Integration und Sport - Wissen schaf(f)t Teilhabe" brachte dieses Wortspiel in der NRW-Vertretung ein wenig provozierend ins Spiel. Denn alle tun sich schwer mit einer politisch korrekten Bezeichnung für diejenigen, die in 1.-, 2- oder 3. Generation aus Ländern wie z.B. der Türkei stammen und hier ihre neue Bleibe gefunden haben.
Ausschließlich um diese Menschen ging es bei der Fachtagung. Wie heterogen diese Gruppe ist, die mittlerweile ein Viertel der bundesrepublikanischen Bevölkerung ausmacht, wurde schnell deutlich. Es gibt diejenigen wie z.B. die Nationalkicker Özil oder Podolski, die quasi als "Superintegrierte" zu gesellschaftlichen Vorbildern geworden sind. Es gibt diejenigen, die gut etabliert, im bürgerlichen Milieu zu Hause sind.
Aber auch diejenigen, die entwurzelt sind und keine Perspektive haben. Immerhin neun Prozent aller Migranten befinden sich in einer solchen prekären Lage. Winfried Kneip, Leiter des Kompetenzzentrums "Bildung" der Stiftung Mercator: "Bei dem von uns unterstützten Projekt 'spin - sport interkulturell" hat sich gezeigt, dass diese soziale Gruppe bisher kaum erreicht wurde. Das wollen wir ändern." Mit anderen Worten, Sport ist nicht nur in der deutschen Bevölkerung eine Mittelstandsveranstaltung, sondern auch bei den Menschen mit Zuwanderungsgeschichte.
Vereine nicht überfordern
Diese Problematik verweist auf die zentrale Frage der Veranstaltung, nämlich die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen von "Integration durch Sport". Professor Dr. Sebastian Braun, Sportsoziologe der Berliner Humboldt Universität, machte darauf aufmerksam, dass die Sportvereine in erster Linie ihrem Kerngeschäft verpflichtet seien, nämlich den Sportbetrieb selbst zu organisieren. Auch Walter Schneeloch, warnte als DOSB-Vizepräsident "Breitensport" und LSB-Präsident vor einer Überforderung der Sportvereine: "Auf die Vereine kommen viele gesellschaftliche Forderungen zu. Wir dürfen die Belastungsgrenzen nicht überschreiten."
Beide waren sich aber darin mit den ca. 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmern einig, dass der Sport hervorragend geeignet sei, Integration zu befördern. Oder wie es Dr. Manfred Schmidt, Präsident des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge ausdrückte: "Im Sport kommt es nicht darauf an, wo man herkommt, sondern ob man den Ball ins Tor schießt. Gemeinsamer Jubel sei erlebte Integration. Schmidt: „Gemeinsam müssen wir in Deutschland an einer Willkommens- und Anerkennungskultur arbeiten, die Migrantinnen und Migranten signalisiert: Diese Gesellschaft könnt ihr mitgestalten. Der Sportverein ist ein wichtiger Ort, an dem sich eine solche Willkommens- und Anerkennungskultur mit Leben füllen kann“.
Sport ist besonders wirksam
In die gleiche Richtung ging das Statement von Winfried Kneip: "Sport ist nach Ansicht der Stiftung Mercator und der Heinz Nixdorf Stiftung ein wesentlicher Bestandteil der Bildungsbiografie von Kindern und Jugendlichen. Er verbindet Menschen unabhängig von ihrer sozialen und kulturellen Herkunft und schafft Raum für Kommunikation und Interaktion. Auf diese Weise kann Sport gerade auch für die Integration junger Menschen mit Migrationshintergrund besonders wirksam sein.”
Walter Schneeloch machte die Position des organisierten Sports deutlich: "Letztendlich geht es auch um die Zukunftsfähigkeit des Sportvereins. Die interkulturelle Öffnung im Sport muss daher sowohl bei den Strukturen in Verbänden und Vereinen als auch bei den zentralen Akteuren ansetzen."
Um einen offenen Blick ging es auch in dem Workshop „Migrantenorganisationen im Sport als Normalfall zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation.“ Entstehen in diesen oft monoethnischen Vereinen „Parallelgesellschaften“? – so lautet die vielgestellte, besorgte Frage. Professor Braun konnte hier mit vielen Vorurteilen aufräumen: „Nach unserer jüngsten Studie ergibt sich ein klares Bild: Diese Vereine sind im Kern ganz normale Sportvereine, sie weisen viele Ähnlichkeiten zu nicht-migrantischen Vereinen auf.“ Martin Wonik, Leiter des Stabs Politik/Grundsatzfragen: „Ich bin sehr froh über diese wissenschaftlichen Erkenntnisse. Sie relativieren doch sehr die Wahrnehmung auf diese Vereine. Meine Erfahrung: Die Migrantenvereine freuen sich über Kontakt und Austausch. Gehen wir auf sie zu!“
Die Tagung in Berlin war eine gemeinsame Initiative des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, des Deutschen Olympischen Sportbundes, der Humboldt-Universität zu Berlin, des Landessportbundes NRW, des NRW-Sportministeriums, der Stiftung Mercator sowie der Heinz Nixdorf Stiftung.
Text: Theo Düttmann, Fotos: Andrea Bowinkelmann