Auf dem Kongress Nachwuchsförderung NRW 2012 in der Deutschen Sporthochschule Köln diskutierten Vertreter aus Wissenschaft und Sportpraxis die Frage nach Grenzbereichen der Belastungs- und Leistungsfähigkeit. Referenten der Biochemie, Biomechanik, Sportmedizin, Sportgeschichte und Psychologie zeigten den über 450 Teilnehmern verschiedene Sichtweisen von Grenzbereichen auf, an die junge Nachwuchssportler im Rahmen des Leistungssports stoßen können. „Dieser Kongress führt eine lange Tradition mit neuem Format fort“, freute sich Walter Schneeloch, Präsident des Landessportbundes NRW. Denn der Kongress setzt die Reihe der 26 Internationalen Workshops „Talentsuche und Talentförderung“ fort.
„Knochen, Gelenke und Bindegewebe sind im Leistungssport häufig extremen Belastungen ausgesetzt. Mit zunehmendem Leistungsniveau wird das Risiko der Grenzüberschreitung, der akuten Verletzung oder chronischen Schädigung exponentiell steigen“, erklärte Prof. Dr. Gert-Peter Brüggemann, Leiter des Instituts für Biomechanik. Er nannte ein einprägsames Beispiel: „Beim Dreisprung wirkt kurzfristig eine Kompressionskraft von 18.000 Newton auf das Knie, das ist etwa das 23-fache des eigenen Körpergewichts. Und das entspricht einem Porsche Cayenne.“
Balance zwischen Reiz und Erholung
Mit 4.000 Trainingskilometern pro Jahr legt ein Schwimmer eine rund sechsmal längere Distanz zurück als noch im Jahr 1960. „Um so wichtiger ist Regeneration, denn Wachstum und Anpassung von Muskeln und Gewebe sind nur bei ausreichender Erholung möglich“, betonte der Sportmediziner Prof. Dr. Wilhelm Bloch. Trainingsreize und -pausen müssten aufeinander abgestimmt sein. Außerdem müssten Grenzbereiche der Leistung unter Berücksichtigung der sportartspezifischen Anforderungen betrachtet werden.
Interessante Einblicke aus der Sicht der Sportpsychologie gab Prof. Dr. Jens Kleinert: „Grenzbereiche sind notwendig für die Entwicklung der Persönlichkeit von Nachwuchssportlern. Allerdings bergen sie auch Konfliktpotenzial.“ Kleinert empfahl als ein psychologisches Mittel, dass Athleten möglichst selbstbestimmt, autonom und intrinsisch („von sich heraus“) ihr Training mitgestalten und persönliche sportliche Ziele formulieren sollten.
Bei den Praxiseinheiten im Leichtathletikzentrum ging es um die Frage, wie man beim Training in Grenzbereichen arbeiten und Überbelastungen von Nachwuchsathleten vermeiden kann, um sie vor Verletzungen zu schützen. Dazu wurden beispielhaft praktische Übungen demonstriert.
Zum Abschluss des zweitägigen Kongresses fand erstmals ein Satellitensymposium statt: Dabei stand der Erfahrungsaustausch von jungen Sportlern, Trainern und Wissenschaftlern im Vordergrund.
Gespräche vor London 2012
Anlässlich der bevorstehenden Olympischen Spiele in London diskutierten Dr. Christoph Niessen, Vorsitzender des Landessportbundes NRW, Bernhard Schwank vom Deutschen Olympischen Sportbund, und Werner Stürmann aus dem Sportministerium des Landes NRW über ihre Erwartungen. Dr. Niessen wünscht sich, „dass die Menschen erkennen, dass Sport viel mehr ist als Fußball.“ Schwank erhofft sich unter anderem „Impulse für die Förderung des Leistungssports auf allen Ebenen.“ Bei dem Gespräch zeigten sich aber auch Grenzbereiche der Nachwuchsförderung: Niessen stellte klar, dass es zukünftig eine bessere Bezahlung der Trainer geben muss.
Weitere Informationen:
Landessportbund NRW
Tel. 0203 7381-924
Paul.Guhs(at)lsb-nrw.de
Text: Ninja Putzmann Foto: Andrea Bowinkelmann